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Hermann Nitsch (* 1938) / Otto Mühl (* 1925) / Ludwig Hoffenreich (1902–1975)
3. Aktion, Fest des psycho-physischen Naturalismus
Österreich, Wien, Atelier Mühl, Perinetgasse, 28.6.1963
C-print auf Kodak-PE-Papier, 60 x 50 cm
Rücks. signiert „Hermann Nitsch”

Während seiner Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in den 1950er Jahren begann Hermann Nitsch sich intensiv mit Philosophie, Psychologie und Literatur zu beschäftigen. 1957 entwickelte er das Konzept zu seinem „Orgien-Mysterien-Theater” und schrieb experimentelle Gedichte und Dramen. Unter dem Eindruck der Übermalungen Arnulf Rainers entstanden 1960 seine ersten Rinn- und Wachsbilder, gleichzeitig entwarf er das erste von drei „Abreaktionsspielen” und führte im November des Jahres seine erste „Malaktion” durch. 1963 organisierte er als Gegenveranstaltung zu den Wiener Festwochen gemeinsam mit Otto Mühl das „Fest des psycho-physischen Naturalismus”, bei dem Nitsch seine 3. Aktion und Otto Mühl seine 1. Aktion durchzuführen planten.

Die vorliegende Fotografie – aufgenommen von Ludwig Hoffenreich, der zahlreiche Aktionen sowohl von Nitsch als auch von Mühl, Brus und Schwarzkogler begleitete – zeigt Hermann Nitsch auf einem Bett, bedeckt mit Tüchern voller Blut und Innereien. Die weißen Laken an den Wänden und am Fußboden des Schauplatzes – Mühls Kelleratelier in der Perinetgasse – sind mit Blut und Innereien bespritzt. In dieser Aktion nahm Nitsch selbst den Part des passiven Akteurs ein, Mühl fungierte als Assistent.

Die Aktion begann der Beschüttung von Nitschs Körper mit warmen Wasser, Blut und Innereien und endete mit einer rituellen Lammzerreißung durch Nitsch. Zahlreiche Zuschauer beobachteten das Schauspiel durchs Fenster von der Straße aus, bis schließlich die Polizei die Veranstaltung vorzeitig abbrach. Mühl bekam nicht mehr die Möglichkeit, seine Aktion durchzuführen. Die erste öffentliche Wahrnehmung des Wiener Aktionismus endete in einer Anzeige wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses” und „Störung Blaus der öffentlichen Ordnung”, beide Künstler wurden zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt.

In einem Text aus den 1970er Jahren beschreibt Nitsch seine Motivation und den kathartischen Effekt, den seine Aktionen haben sollen: „[Ich] versuchte […] mit meiner Arbeit eine Art Ventil anzubieten, durch welches alles Unterdrückte, Verdrängte abreagiert werden sollte.” Er beruft sich auf die Psychoanalyse Freuds, „die lehrte, all diese Abgründe der Ekstase, der Aggression zu schauen.“

Michaela Seiser, © WestLicht

 

Lit.: Wiener Aktionismus 1960–1971, Band 2, Der zertrümmerte Spiegel, hrsg. v. Hubert Klocker gem. mit Graphische Sammlung Albertina Wien und Museum Ludwig Köln, Klagenfurt 1989, S. 19 u. 267–290.

 

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