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Otto Mühl (* 1925) / Ludwig Hoffenreich (1902–1975)
3. Materialaktion, Klarsichtpackung
Aus der Mappe mit 45 Fotografien auf Karton „Otto Muehl Materialaktionen 1964-67”, hrsgg. von P.A.P. Kunstagentur Karlheinz & Renate Hein, München
Österreich, Wien, Atelier Mühl, Obere Augartenstraße, 26.2.1964
Cibachrome Print, ca. 30 x 30 cm
Auf dem Passepartout signiert, betitelt „Klarsichtpackung” und nummeriert „14/20”

Anfang der 1960er Jahre begann Otto Mühl, ein ausgebildeter Kunstpädagoge, Deutsch- und Geschichtelehrer, seine künstlerische Karriere als gegenständlicher Maler. Die Bekanntschaft mit Günter Brus und Alfons Schilling sowie deren informelle Malerei beeinflussten ab 1961 seine Arbeit grundlegend. Mühls Gemälde wurden abstrakt und konzentrierten sich vor allem auf die Farbe als Material. Er arbeitete mit Händen und Füßen, wälzte sich über die Leinwand, verweigerte sich jedem kompositionellen Ansatz. Schließlich begann er, die Leinwand aufzuschlitzen und zu verschnüren. Aus seinen Bildern wurden Materialobjekte. Seine Materialmontagen aus Alteisen und Gerümpel überschüttete er teilweise mit Farbe.

Im Herbst 1963 führte Mühl seine 1. Aktion „Versumpfung einer Venus” durch und erweiterte damit sein Konzept der Materialmontage um das Material Mensch. Initialzündend war die Begegnung mit Hermann Nitsch, der zu dieser Zeit bereits seine ersten Malaktionen realisiert hatte. Die 3. Materialaktion bestand aus vier Teilen: „Klarsichtpackung”, „Versumpfung in einer Truhe”, „Panierung eines Gesäßes” und „Wälzen im Schlamm”. Die vorliegende Fotografie zeigt eine Sequenz aus dem ersten Teil, in dem Mühl den nackten Körper einer Frau mit Schlamm und Farbe bewarf, übergoß und bespritzte, sie verschnürte und in Klarsichtfolie einpackte. Wie fast alle frühen Aktionen endete auch diese mit der Auflösung bzw. Vermengung aller Materialien, der sogenannten „Versumpfung”, übrig blieb ein brauner Brei.

Mühls Arbeiten waren einerseits geprägt vom hemmungslosen, rauschhaften schöpferischen Akt, in dem er mit Dreck und Farbe um sich warf und vor allem in seinen späteren Aktionen provokativ sexuelle Handlungen einbezog. Andererseits folgten sie einer malerischen Materialästhetik, die er zu inszenierten Stillleben mit Körpern und Material weiterentwickelte.

Die aus den Aktionen hervorgegangenen fotografischen Dokumente sind Teil des Konzepts. Bei der 3. Materialaktion waren drei Fotografen – Hoffenreich, Klein (Kasaq) und Haberler – und der Kameramann Peter Jurkowitsch anwesend, für seine Mappe verwendete Mühl jedoch ausschließlich die Fotografien von Hoffenreich, dessen Kompositionen am meisten den gewünschten Eindruck der Materialgleichheit erwecken: der menschliche Körper scheint ein Objekt unter vielen zu sein.

Michaela Seiser, © WestLicht



Lit.: Wiener Aktionismus 1960–1971, Band 2, Der zertrümmerte Spiegel, hrsg. v. Hubert Klocker gem. mit Graphische Sammlung Albertina Wien and Museum Ludwig Köln, Klagenfurt 1989, S. 185–190.

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