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Andy Warhol (1928 – 1987)
Andy sneezing
1978
Polaroid SX-70, 10,8 x 8,8 cm
Rücks. ehem. Polaroid Coll. Nr. “78:788:11”
© The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts Inc. / VBK, Wien 2011 / WestLicht Collection

 

Andy Warhol, Pop Artist, Medienkünstler und revolutionärer Geist­ – er stand nicht nur für einen progressiven Kunststil, er kreierte auch ein völlig neues Künstlerbild: der Kunstproduzent als soziale Berühmtheit. Mit der massenhaften Verbreitung seines Gesichts, sei es in Form von fotografischen oder seiner berühmten Siebdruckporträts, lancierte er die globale Marke, schuf einen Starkult um „Andy Warhol“, losgelöst von der Privatperson Andrej Warhola. In den frühen 1960ern erkannte er bereits das Sofortbild mit seinem 1963 eingeführten Packfilmverfahren als ideales Medium seiner obsessiven, öffentlichen Selbstdarstellung.

Warhol schuf eine ganze Galerie an Polaroid-Porträts, die von Berühmtheiten der Popkultur, seinem „factory“-Umfeld bis zu anonymen Männerakten reichen. Das liebste Sujet stellte jedoch er selbst dar. Seine Polaroids dokumentieren seine Ära, wie Instagram die unsere; auch das heute so inflationäre Selfie nimmt seinen Ursprung bei Warhol. Die Art der Zurschaustellung des Ichs erfolgte bei ihm meist über vermeintliche Selbstoffenbarung, wie in den Porträts „in drag“ oder über Trugbilder, wie in der berühmten „fright wig“-Serie, in der er die Perücke mit in alle Richtungen stehenden Haaren als Signum eines Pop Artist trägt.

1972 entdeckte der Künstler die „Big Shot“-Polaroidkamera für sich, die mit ihrer fixierten Brennweite speziell für die Aufnahme von Porträts konstruiert wurde. Neben der mit einem Packfilm der Serie 100 arbeitenden Kamera nutzte er ab 1973 auch das revolutionäre, in sich abgeschlossene SX-70 Integralfilm-System mit dem charakteristischen weißen Rand. Manfred Heiting, damals Design-Direktor bei Polaroid, präsentierte Warhol bei einem Besuch in seinem Studio das neue Verfahren. Seither war der Künstler kaum mehr ohne Polaroidkamera anzutreffen.
 
Der für Warhol so wesentliche Moment zwischen Inszenierung und Offenbarung, die „widersprüchliche Balance zwischen größter Intimität und kalkulierter Provokation", wie Robert Rosenblum feststellt, verhandelt er bereits in einem Porträt seiner Studentenzeit, in dem er sich nasenbohrend zeichnet. Auch in „Andy sneezing” wird ein scheinbar intimer Moment gewählt, der reflexartige Akt des Niesens, um mit der bewussten Inszenierung und fotografischen Visualisierung der gestellten Situation, die Idee von Intimität im doppelten Sinne ad absurdum zu führen.

Johanna Pröll © WestLicht

Lit: Robert Rosenblum, Andy Warhols Masken, in: Andy Warhol. Selbstportraits / Self-Portraits, hrsgg. v. Dietmar Elger, Kat. Kunstverein St. Gallen Kunstmuseum [u.a.] 2004– 2005, S. 10–18; The Polaroid Book. Selections from the Polaroid Collections of Photography, hrsgg. v. Steve Crist, Köln [u.a.] 2008, S. 80 (Abb.); Cordon Baldwin, Judith Keller, Nadar Warhol: Paris New York: Photography and fame, Kat. J. Paul Getty Museum Los Angeles 1999, S. 217.

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