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Walter Henisch (1913–1975)
Angriff der Deutschen Wehrmacht auf einen sowjetischen Waffentransport
Aus der 54-teiligen Mappe: Russland Heft I, Kampfbilder
UdSSR, Smolensk, August 1941
Silbergelatineabzug, montiert auf Karton, 23,3 x 17,1 cm
Rücks. Negativnummer „2379/22a” und nummeriert „H1/13” in Bleistift

In der Dokumentation von Kriegsschauplätzen erfahren Ansprüche und Arbeitsweisen des Pressefotografen eine Zuspitzung. Dabei werden sowohl Spezifika und Mythen dieses Berufes wie auch bestimmte Paradigmen des Fotografischen besonders deutlich: Als „unsichtbarer Beobachter“, scheinbar unbeteiligt, taucht der Fotograf ins Geschehen ein; er registriert es, vermeintlich neutral, mit verinnerlichter Apparatur. Die Virtuosität des Fotojägers zeigt sich dort, wo er im richtigen Augenblick gleichsam automatisch, reagiert. Freilich erfordert das Paradigma des Dokumentarischen einen hohen Aufwand an fotografischer und editorischer Gestaltung, um „richtige“, authentisch wirkende Bilder zu schaffen. Kompositorische Mittel, wie beispielsweise Ausschnittwahl und Bewegungsunschärfe, stehen im Dienste einer Dramaturgie, die imstande sein muss, das Vorher und Nachher eines Momentes sowie kausale und wertende Zusammenhänge zu vermitteln (etwa Rollenzuschreibungen wie Täter, Opfer).

Der österreichische Bildberichterstatter Walter Henisch erlebte die produktivste Zeit seiner Karriere als Kriegsfotograf für die Deutsche Wehrmacht. Er arbeitete an den wichtigsten Kriegsschauplätzen, u.a. in  Polen, Frankreich, Russland, Serbien und Deutschland. Neben den offiziellen Aufnahmen, die vor ihrer Veröffentlichung in den nationalsozialistischen Medien genehmigt werden mussten (wovon die Stempel vieler Prints zeugen), fotografierte er auch die Bevölkerung der besetzten Gebiete, Landschaften und Städte. Nach dem Krieg gestaltete er aufwändige Mappen mit diesen Aufnahmen um sie vor allem im privaten Kreis, begleitet von seinen Kriegserzählungen, zu zeigen. Sein Sohn, der Schriftsteller Peter Henisch, verarbeitete dieses Erbe in einem aufschlussreichen Roman.

Darin wird ein Bericht von Walter Henisch über das Zustandekommen der vorliegenden Aufnahme wiedergegeben: „Ein Bahndamm, der ungefähr in Hüfthöhe von den Russen beschossen wurde (…). Über diesen Bahndamm zu kommen war wirklich russisches Roulette. Zuerst liegt die Gruppe in Deckung: das ist ein Bild. Ein Bild: die krampfhafte Spannung in den Gesichtern. Sprung auf vorwärts – Soldaten, die rennen – Geduckte Soldaten – Zusammenbrechende – Schreiende (…). Eine Folge von 20 bis 30 Bildern. Von mir exponiert. Unter längst zum Instinkt gewordener Einschätzung der Licht- und Bewegungsverhältnisse. Im nächsten Unterstand werde ich diese Bilder ausarbeiten“.

Kurz nach Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion startete die Offensive der Wehrmacht in Richtung Smolensk, wo die Rote Armee eine neue Verteidigungslinie aufgebaut hatte. Dabei wurden große Teile der Roten Armee eingeschlossen. Auch wenn der als Blitzkrieg geplante Vorstoß nach Moskau verzögert wurde, war diese sog. Kesselschlacht ein operativer Erfolg für die Wehrmacht. Insgesamt verlor die Rote Armee während der Smolensker Operation (10.7.–10.9.1941) rund 760.000 Mann.

Marie Röbl, © WestLicht


Lit.: Peter Henisch, Die kleine Figur meines Vaters, Wien 1975, S. 95 (Zitat); Brutale Neugier. Walter Henisch, Kriegsfotograf und Bildreporter, hrsgg. v. Christian Stadelmann und Regina Wonisch, Kat. Wien Museum, 2003, S. 57 u. 36 (Abb. 33).


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