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Nicholas John Caire (1837–1918)
Billy the Bull, native of Gippsland
Aus dem Album: Gippsland Scenery
Australien, Victoria, ca. 1880
Albuminpapierabzug, 16 x 20 cm

Vor 1900 waren Aufnahmen von australischen Ureinwohnern im Freien selten. Man fotografierte anonyme Aborigines meist in künstlicher „Wildnis” mit traditionellen Attributen im Atelier. Stereotypen wie „Krieger”, „Junges Mädchen”, „Mutter mit Kind” wurden zwischen 1870 und 1890 zu Tausenden für den kommerziellen Markt produziert. Das zeitgenössische europäische Publikum nahm die vermeintlich anthropologischen Fotografien als „realistische” Porträts und Szenen aus dem Alltagsleben wahr.

Anders der Fotograf Nicholas J. Caire: Mit seiner Außenaufnahme porträtiert er den Aboriginal „Billy the Bull”, einen Bewohner des Lake Tyers Gebiet vor einem Windschutz aus Ästen und Laubwerk. William Bull ist der Vater von Hector Bull, aus derselben Gegend, der 1934 von Percy Leason gemalt wurde. Die Darstellung entspricht vermutlich mehr der Realität als die zuvor beschriebenen gängigen Atelieraufnahmen. Der Mann trägt aber Hose, Hemd und Weste. Sobald die Menschen den europäischen Missionaren in die Hände gefallen waren, mussten sie Kleidung tragen. Der Fotograf, der für seine Landschaftsaufnahmen bekannt war, entkam jedoch nicht der Konvention, Aborigines mit traditionellen Attributen an Jagdinstrumenten darzustellen, obwohl dieser hier vermutlich bereits seine nomadische Lebensweise aufgegeben hatte und sich als Arbeiter verdingen musste.

Gippsland liegt an der Südküste und wurde früh von den Weißen in Besitz genommen. Die massive Kolonisierung Australiens hatte die Ureinwohner vom ersten europäischen Kontakt 1788 von geschätzten 750.000 durch eingeschleppte Krankheiten, Landraub und kriegerische Auseinandersetzungen bis 1901 auf ca. 67.000 systematisch dezimiert. Ein Großteil der von ihrem Land Vertriebenen wurde in abgelegenen Reservaten und Missionsstationen angesiedelt. Viele lebten auch am Rande der rasch wachsenden Städte unter ärmlichsten Bedingungen, spielten aber eine wichtige Rolle in der boomenden Wirtschaft Australiens, in der Landwirtschaft und als Dienstboten. Fotografien von Aborigines als Landarbeiter, Viehtreiber oder Schafscherer gibt es dagegen kaum.

Nicholas John Caire arbeitete nach seiner Ankunft in Südaustralien 1858 als Friseur und wurde 1867 in Adelaide Berufsfotograf. Aus wirtschaftlichen Gründen zog er 1870 in die Nachbarkolonie Victoria, wo er in der Goldgräbersiedlung Talbot arbeitete. Im Jahr darauf konnte er bereits ein Atelier in der größeren Stadt Bendigo eröffnen und verkaufte Porträts und Landschaftsaufnahmen. Sein Interesse galt der Kunst, wobei er sich auch selbst als Maler versuchte. Er gilt als Vorläufer der Piktorialisten.

Ulla Fischer-Westhauser, © WestLicht


Die Autorin bedankt sich für die wertvollen Hinweise der Victorian States Library in Melbourne.

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