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Bruce Charlesworth (* 1950)
Untitled

1979
Polaroid SX-70, handkoloriert, 10,8 x 8,8 cm
Rücks. Fotografenstempel, datiert u. ehem. Polaroid Coll. Nr. “79:1467:03”
© Bruce Charlesworth

 

Bruce Charlesworth, der in den 1980ern durch seine Multimedia-Installationen und inszenierten Fotografien Bekanntheit erlangte, prägte für seine Videoarbeiten den Begriff „narrative environments“: mittels strategischer Setzung einzelner AkteurInnen innerhalb eines künstlich konstruierten (Bild)Raums sowie teils über Audio-Untermalung verfolgt er die Erzeugung einer assoziativen Narration. Dabei enthält er der BetrachterIn eine festgelegte Lesart vor und eröffnet ein für jede/n subjektives Interpretationsspektrum zwischen Realität und Fiktion. „Untitled“ von 1979 steht für die frühen Arbeiten des Künstlers, die als Vorstufen seiner postmodernen "staged photography“ zu lesen sind.

Das SX-70 Polaroid stellte sich vielen FotografInnen der 1970er und 80er als inspirative Quelle kreativer Destruktion vor, es bot die perfekte Oberfläche für multiple Manipulationen. So auch für Charlesworth, der in seiner Frühphase vermehrt mit dem klassischen Kleinformat-Polaroid arbeitete. Er kolorierte das Positiv mit Acrylfarbe und nutzte die malerischen Elemente zur Konstruktion surrealer Bildräume.

Ein Glas Milch, von rechts kommend eine Hand, oberhalb in Reihe drei idente Fotografien eines kleinen Mädchens in weißem Kleid. Im Hintergrund farblich alternierende Vertikalstreifen, wie ein Vorhang, auf dem die drei Porträts befestigt sind; die unten im Bild positionierte monochrom-grüne Horizontalfläche dient als Bühne für das ins Zentrum gerückte Glas, rechts durchbrochen von einem braunen Streifen, der die Bewegung des Arms unterstreicht. Durch die Zurücknahme der Dreidimensionalität des umgebenden Raumes und die Monochromie der malerischen Elemente werden die Objekte herausgehoben, präsentiert wie vor Kulissen – es entsteht eine Art surreales Theater, in dem die scheinbar beziehungslos im Raum schwebenden Bildgegenstände als in die Fläche gebannte Hauptdarsteller auftreten.

Charlesworth spielt mit inhaltlichen Andeutungen, die den Themenkreis Kindheit, Zwänge und Verbote eröffnen, sich einer eindeutigen Interpretation allerdings entziehen. Ebendiese fehlende Dechiffrierungsanleitung ist es, die die BetrachterIn (un)bewusst zur assoziativen und vor allem individuellen Ergänzung der Fehlstellen anregt.

Johanna Pröll, © WestLicht

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