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Hermann Nitsch (* 1938) / Siegfried Klein, aka Kasaq
Fototableau mit 12 Motiven von der 8. Aktion, Penisbespülung
Österreich, Wien, Wohnung v. H. Nitsch, Jedlersdorfer Straße, 22.1.1965
Silbergelatineabzug, 65 x 50 cm
Rücks. signiert, datiert, betitelt und nummeriert „1/1”

Das übergeordnete dramaturgische Konzept von Nitschs „Orgien-Mysterien-Theater” (OMT) unterscheidet seine Aktionen maßgeblich von denen seiner Kollegen Mühl, Brus und Schwarzkogler. Nitschs Aktionen folgen einem vorher in Partituren festgelegten Handlungsablauf mit rituellem Charakter. Einzelne Handlungen oder ganze Aktionen können so jederzeit wiederholt und/oder neu kombiniert werden, während Brus’, Mühls und Schwarzkoglers Aktionen als einmalige Ereignisse konzipiert sind.

Im Laufe der 1960er Jahre formulierte Nitsch Teil für Teil die dramaturgischen Elemente seines OMT aus. Die zentralen Motive der Kreuzigung (1. Aktion 1962), der Lammzerreißung (2. Aktion 1963) oder des dionysischen Festes (Fest des psycho-physischen Naturalismus 1963), wurden bereits in seinen ersten Aktionen manifest. 1965 kam ein neues Element, die Körpercollage in Form der sogenannten Penisbespülung, dazu; dabei wird der Penis eines passiven Akteurs mit Blut und Eiern übergossen bzw. mit Fleisch, Innereien oder Damenbinden belegt. Im Jänner 1965 zeichnete Nitsch Skizzen zum Ablauf der ersten Penisbespülung im Zuge der 8. Aktion, in denen alle gewünschten Positionen festgelegt und genau beschrieben sind, bis hin zum fotografischen Aufnahmewinkel.

Von der 8. bis zur 11. Aktion, die Nitsch ausschließlich für die Kamera inszenierte, arbeitete er intensiv an seiner Formensprache und der ästhetischen Umsetzung. In Zusammenarbeit mit dem Fotografen Ludwig Hoffenreich entstand das vorliegende Fototableau. Es handelt sich um die (vergrößerte) Aufnahme eines Arrangements von Kontaktabzügen der 8. Aktion, auf denen Nitsch verschiedene Markierungen anbrachte.

Aufgrund der prekären finanziellen Situation der Aktionisten war es ihnen nicht möglich sofort Vergrößerungen der entstandenen Aktionsfotos machen zu lassen. Ludwig Hoffenreich finanzierte den Film, stellte den Künstlern Kontaktabzüge des Fotomaterials zur Verfügung und diese konnten dann Vergrößerungen der gewünschten Fotografien bei ihm bestellen. Aus den Markierungen ist Nitsch ästhetisches Konzept eindeutig zu erkennen, er bevorzugt streng rechtwinkelige, von vorne oder von oben aufgenommene Kompositionen, Verkürzung, Verzerrung oder Perspektive werden möglichst vermieden. Ab der 11. Aktion wurden Nitschs frühe Körperaktionen von Franziska Cibulka fotografiert, der es gelang, Nitschs ästhetische Intentionen noch besser umzusetzen als Ludwig Hoffenreich.

Michaela Seiser, © WestLicht



Wiener Aktionismus 1960–1971, Band 2, Der zertrümmerte Spiegel, hrsg. v. Hubert Klocker gem. mit Graphische Sammlung Albertina Wien and Museum Ludwig Köln, Klagenfurt 1989, S. 267–290.

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