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Andreas Groll (1812–1872)
Halbharnisch des Ferdinand Alvarez von Toledo, Herzog von Alba
Österreich, Wien 1858
Salzpapierprint, 25,7 x 17,2 cm

Es gibt einen engen mentalitätsgeschichtlichen Zusammenhang zwischen der Institution des Museums und der Fotografie als bildlichem Dokumentationsmedium: beide dienen der Sammlung und klassifizierenden Archivierung, indem sie die Herstellung einer neuen Ordnung aus dekontextualisierten (den lebensweltlichen, historischen Kontexten entrissenen) Objekten sowie deren anschauliche Vermittlung ermöglichen. Die naheliegende Verbindung zeigt sich auch in einer der ersten österreichischen Buchpublikationen, die mittels Fotografien illustriert wurde, einem von Eduard von Sacken verfassten Sammlungskatalog der „Heldenrüstkammer” des Habsburgers Erzherzog Ferdinand von Tirol (1529–1595).

Diese Sammlung an Rüstungen von bedeutenden Herrschern und Feldherren wurde im späten 16. Jahrhundert neben einer Bibliothek, einer Gemäldesammlung und einer sog. Kunst- und Wunderkammer am Renaissanceschloss Ambras in Tirol angelegt. Der Bestand – auch der um 1546 von Desiderius Helmschmid gefertigte Halbharnisch des Herzogs von Alba – kam 1806 nach Wien und ist heute am Kunsthistorischen Museum beheimatet.

Andreas Groll war ein Pionier der frühen fotografischen Praxis in Österreich, er arbeitete seit 1852 als einer der ersten Fotografen hauptberuflich und erlangte in vielen Genres und Techniken ein hohes Maß an Fertigkeit; am bekanntesten sind seine Architekturaufnahmen im Raum Österreich-Ungarn. Der vorliegende Salzpapierprint zeigt eine außergewöhnliche Detailtreue in der Wiedergabe. Diese erreichte Groll nicht nur durch seine professionelle Aufnahmetechnik, sondern auch durch eine ausgeklügelte Lichtregie und Aufstellung des Objektes.

Diese Merkmale werden auch augenfällig, wenn man Grolls 150 Jahre alten Print mit der aktuellen, brillanten Farbaufnahme vergleicht, mit der dieser Halbharnisch heute auf der Website des KHM vorgestellt wird: Die neue Aufnahme lässt die figürlichen Gravuren auf den Brustplatten kaum erkennen, während bei Grolls leicht verblichenem Print klar lesbar ist, dass es sich um die Darstellung eines vor einem Kruzifix knieenden Kriegsherrn in Rüstung handelt. Man könnte in den Unterschieden der Wiedergabe des Sammlungsobjektes auch einen Hinweis darauf sehen, wie sich die Ansprüche und das Selbstverständnis des Museums und seiner Bildmedien in den vergangenen 150 Jahren geändert haben.

Marie Röbl, © WestLicht


Lit.: Eduard von Sacken, Die vorzüglichsten Rüstungen und Waffen der k.k. Ambraser Sammlung in Originalphotographie, 2. Band, Wien (Braumüller) 1862, Tafel XXXI (Abb.).

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