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Raúl Corrales (1925–2006)
Revolutionärin mit Armbinde
Kuba, Havanna, ca. 1970
Silbergelatine, 40 x 30,2 cm
Rücks. signiert, Ausstellungsstempel „Expoicap” und „71”

Raúl Corrales vermochte es wie kaum ein zweiter, Anliegen und Errungenschaften der Revolution und des durch sie geprägten Menschenbildes zu visualisieren. Der Sohn spanischer Immigranten und Zuckerrohrarbeiter war unter anderem als Schuhputzer und Abwäscher tätig, bevor er sich ab Mitte der 1940er Jahre auch beruflich der Fotografie zuwenden konnte. Nach der Revolution trat er der kommunistischen Partei bei und war neben Alberto Korda und Osvaldo Salas im engsten Kreis um Fidel Castro engagiert. Corrales begleitete den „Máximo Líder“ ab dessen Machtübernahme im Januar 1959 beinahe täglich. Er gilt bis heute als einer der wichtigsten Dokumentaren des Systemwandels und prägte die bildliche Überlieferung der kubanischen Revolution ganz entscheidend mit.

Seine Fotografie einer Revolutionärin mit Armbinde stellt Bezüge zu gleich mehreren Diskursen rund ein Jahrzehnt nach der Machtübernahme Fidel Castros her. Das Bildnis einer Afrokubanerin ist nicht nur gelungenes individuelles Porträt, sondern besitzt auch Symbolcharakter. Als Unbekannte wird sie zur Protagonistin, zur Versinnbildlichung einer neuen gesellschaftlichen Ordnung und zum „Gesicht der Revolution“. Selbstbewusst und gleichzeitig nachdenklich blickt die Frau über den Bildrand hinaus. Sie trägt eine ärmellose Bluse, Armbinde und ein um den Kopf gewickeltes Tuch. Ihre Halbfigur kontrastiert dabei mit dem dunklen Bildhintergrund, in dessen oberer linker Ecke sich die Buchstaben einer Leuchtreklame abzeichnen.

Corrales‘ Bildsprache unterstützt den Mythos der Revolution, zu deren nachhaltigen Leistungen zum Beispiel die Frauenemanzipation gezählt wird. Ausschlaggebend für die Gleichstellung der Geschlechter war die Arbeit der unter Regierungskontrolle stehenden FMC (Federación de Mujeres Cubanas), einer aus mehreren Frauenorganisationen zusammengesetzten Föderation. Im Gegensatz zu Interessensvertretungen wie der FMC wurde nach 1959 jedoch keine Organisation der afrikanischen Minderheit gebildet, deren Geschichte in die Kolonisationszeit zurückreicht. Ihre rechtliche Gleichstellung mit anderen Bevölkerungsgruppen war, als Teil des gesellschaftlichen Wandels, dennoch ein erklärtes Ziel der Revolutionsphilosophie.

Isabella Riedel © WestLicht

 

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