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Unbekannter Fotograf der k.k. Hof- und Staatsdruckerei
Rotenturmtor und Gonzagabastei (heutiger Franz-Josefs-Kai)
Österreich, Wien, März 1858
Salzpapierprint nach Glasnegativ, 37 x 50,7 cm
Vorne im Bild rechts unten ovaler Blindstempel „VON DER k.k. HOF-& STAATSDRUCKEREI IN WIEN”

Ursprünglich zur Herstellung von Banknoten, Formularen u. Gesetzestexten gegründet, entwickelte sich die k.k. Hof- und Staatsdruckerei in Wien unter der ehrgeizigen Leitung von Alois Auer ab den 1840ern zu einem „polygrafischen Institut”. Dieses vereinte zeitgemäße verlegerische, typo- und druckgrafische Kompetenzen und vertrieb eine breite Produktpalette; gemäß seinem (Bildungs-)Auftrag verpflichtete es sich auch der Forschung sowie der Bekanntmachung der Resultate.

Der Fotografie wurde gegen 1850 eine eigene Abteilung eingerichtet. Fotografen wie Paul Pretsch, Leopold Weiß oder Joseph Puchberger arbeiteten hier mit verschiedenen Kasten- und einer Panoramakamera, widmeten sich aber auch der Mikrofotografie. Ihre Ergebnisse wurden anlässlich der Londoner Weltausstellung erstmals mit Preisen ausgezeichnet, wobei besonders die großen Formate Anklang fanden. Ab März 1958 dokumentierte man den Abbruch der barocken Befestigungsanlage. Der breite Wall mit 8 Toren und 10 Basteien war bei den Wienern im 19. Jahrhundert als luftige Promenade beliebt. Nach der Abtragung wurden hier die Ringstraße und deren Prachtbauten errichtet.

Die vorliegende Aufnahme entstand kurz vor Beginn der Abrissarbeiten und zeigt, bildeinwärts verlaufend, ein Teilstück des Walls mit Gonzaga- und Elendsbastei: letztere im Hintergrund rechts, von den Pappeln am Glacis fast verdeckt; erstere, weiter vorne zu sehen, befand sich an der Stelle des heutigen Morzinplatzes. Der weite, panoramatische Blickwinkel wurde durch das Fotografieren von einer hoch gelegenen Plattform aus möglich. In ihm manifestiert sich beispielhaft der von Auer formulierte Anspruch einer fotografischen Aneignung von Welt.

Der hier erfasste Wall-Bereich wurde wenig später zum Franz-Josefs-Kai. Im Vordergrund verläuft vom Rotenturmtor die Straße nach rechts, zur außerhalb des Bildausschnitts liegenden Ferdinandbrücke über den Donaukanal, der heutigen Schwedenbrücke. Auf dem vordersten Wall-Teil steht ein Polizist, davor ein Arbeiter neben einigen Brettern – hier entsteht eben eine Absperrung (diese ist durch Aufnahmen der folgenden Monate dokumentiert). Am Horizont entdeckt man links Turm und Apsis von Maria am Gestade, rechts eine Neubauten-Zeile außerhalb der Inneren Stadt, die im heutigen 9. Bezirk am Schottenring steht.

Bei dem prägnanten Palais neben dem Wall, dessen Sonnen-beschienene Schmalseite bildparallel ausgerichtet ist, handelt es ich um das „Müllersche Gebäude” (1889 abgerissen). Es beheimatete das Kunstkabinett des Grafen Deym mit hochwertigen Nachbildungen antiker Skulpturen, lebensechten Wachsfiguren sowie Musikautomaten. Die Präsentation der Exponate in üppigem Ambiente fand großen Zulauf, die Repliken konnten auch erworben werden. Damit erfüllte diese Institution eines Aristokraten ein Ideal, das der Vision Auers von der k.k. Hof- und Staatsdruckerei als Medienkonzern nicht unähnlich war: die Verbindung von Unterhaltung, Bildung und Produktwerbung. Mediengeschichtlich gesehen waren derlei Kabinette und ihre Schauwerte jedoch bald obsolet, während der Höhepunkt der Verbreitung von fotografischen Bildern noch bevorstand.

Marie Röbl, © WestLicht


Lit.: Wien in zeitgenössischen Photographien, hrsgg. von Helfried Seemann, Christian Lunzer, Wien 1995, Abb. 36; Monika Faber, Maren Gröning, Stadtpanoramen. Fotografien der k.k. Hof- und Staatsdruckerei 1850–1860, Wien 2005, S. 81 (Abb.).

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