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Sandi Fellman (* 1952)
Modesty
Japan, Tokio, 1983
Polaroid Polacolor 20x24, ca. 75 x 56 cm
Vorne re unten im Rand signiert u. datiert; rücks. li unten betitelt u. ehem. Polaroid Coll. Nr. “83:682:50”
© Sandi Fellman

 

1979 präsentierte Polaroid erstmals die nach Entwürfen von Edwin Land konstruierte 20x24-Zoll-Kamera. Der 1,50 Meter hohe und 106 Kilo schwere Holzapparat lieferte mit einem speziellen Trennbildverfahren riesige Sofortbilder (ca. 50 x 60 cm) von beeindruckender Qualität. Betreut von Polaroid-Fachleuten, wie dem Chief Operator Jan Hnizdo, wurden in den 1970ern und 80ern ausgesuchte FotografInnen eingeladen, frei mit der Kamera und Filmmaterial zu arbeiten. Darunter auch die New Yorkerin Sandi Fellman, die für ihre Tattoo-Serie ab 1982 mehrmals nach Tokio reiste, um dort die ganzkörpertätowierten Mitglieder der Yakuza zu fotografieren.

Ein purpurner Karpfen kämpft sich gegen den Strom zur Quelle eines Wasserfalles, während eine blühende Pfingstrose die gegenüberliegende Brustpartie schmückt. Am rechten Bizeps prangt ein gehörnter Drache, dessen Schwanz in einer Wolkenbank am linken Arm mündet. Der Tätowierte trägt lediglich ein „fundoshi“, die traditionelle japanische Männerunterwäsche.
„Kawa“ (Fluss) nennt sich diese spezielle Form der traditionellen Irezumi Tattoo-Kunst, benannt nach dem Strom an unberührter Haut, der in der Mitte des Brustkorbs entlangfließt. Sowohl Arme als auch Beine sind dabei nur bis zur Hälfte mit Motiven bedeckt, was den Anschein der Bekleidung durch Mantel und Hose suggeriert. Die auf eine jahrhundertelange Tradition zurückreichenden, großflächigen Tätowierungen gelten als Erkennungsmerkmal der Yakuza, einer kriminellen Organisation (oft als „japanische Mafia“ betitelt), die sich auf ihre Abstammung von den Glückspielsyndikaten der Edo-Periode (1603–1868) beruft und sich um strenge Tugendregeln, wie auch Genügsamkeit („modesty“), strukturiert.

Das 20x24-Polaroid bietet mit seiner bestechenden Farbqualität und Detailgenauigkeit die perfekte Bühne, um der Lebendigkeit und den kräftigen Farben der Irezumi-Tätowierung in Fellmans „Modesty“, die in Kontrast zum hellen Strahlen des ungeschmückten Inkarnats stehen, Rechnung zu tragen. Entgegen des Vorwurfs der minderen Qualität oder des schnellen Farbverblassens, zeigen sich die großformatigen Sofortbilder als idealer Bildträger von besonderer Beständigkeit.

Johanna Pröll, © WestLicht

 

Lit: Sandi Fellman, D.M. Thomas, The Japanese Tattoo, New York 1986, S. 28–29 (Abb.).

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