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William Henry Fox Talbot (1800–1877)
Szene in einer Bibliothek
Tafel 8 aus: The Pencil of Nature
England, Wiltshire, Lacock Abbey, 1843
Kalotypie (Salzprint vom Papiernegativ), montiert auf Papier, 13 x 17,9 cm

In zwei schmalen Regalfächern stehen Bücher sowie wissenschaftliche Zeitschriften, etwa The Philosophical Magazine, Botanische Schriften, Manners and Customs of the Ancient Egyptians, Poetae Minores Graeci und Lanzi's Storia pittorica dell'Italia. Die Zusammenstellung stammt aus William Henry Fox Talbots privater Bibliothek; sie wurde aber nicht im Innenraum fotografiert, sondern im Freien arrangiert und wird meist als ein intellektuelles Selbstporträt des englischen Privatgelehrten gesehen. Er hatte in den Disziplinen Mathematik, Astronomie, Sprachwissenschaft, Archäologie, Botanik, Physik und Chemie bereits mehrfach wissenschaftlich publiziert, bevor er ab 1839 seine fotografischen Erfindungen veröffentlichte.

Talbots folgenreichste Leistung war zweifellos die Entdeckung des Negativ-Positiv-Verfahrens, das er 1841 als Kalotypie patentieren ließ – es war die technische Voraussetzung für die Vervielfältigung fotografischer Bilder auf Papier. Zwischen 1844 und 1846 brachte Talbot The Pencil of Nature in sechs Einzellieferungen in einem Londoner Verlag heraus, das vorliegende Motiv ist Tafel 8 von insgesamt 24. Bei diesem ersten mit Fotografien illustrierten Buch wurden Salzpapierabzüge in jedes Exemplar eingeklebt (praktikable Lösungen für drucktechnische Vervielfältigung entwickelten sich erst später). Auch im Text ging es Talbot darum, die medienspezifische Besonderheit des Lichtbildes und die Bandbreite seiner Anwendungsmöglichkeiten zu zeigen.

„A Scene of a Library” lässt sich zunächst mit Tafel 3 und 4, zwei Stillleben mit Gruppen von Glas- bzw. Porzellanobjekten vergleichen, anhand derer Talbot die Lichtreflexion unterschiedlicher Materialen vorführt. Gerade im Registrieren und in der vergleichenden Zusammenstellung ähnlicher Dinge sollte der Fotografie eine wichtige Funktion erwachsen. Das Bibliotheksmotiv liest sich wie eine Ankündigung der zentralen Rolle, die sie in Wissenschaft und Bildkultur – und zwar vor allem in reproduzierter Form in Printmedien – in weiterer Zukunft spielen sollte. Im Text zu diesem Bild erörtert Talbot die Möglichkeit, für das Auge Unsichtbares mittels der Fotografie festzuhalten und endet mit einem Verweis auf die Beweiskraft des Gedruckten.

Marie Röbl, © WestLicht



Lit.: Larry J. Schaaf, The Photographic Art of William Henry Fox Talbot, Princeton University Press 2000, S. 191; Hubertus von Amelunxen, Die aufgehobene Zeit. Die Erfindung der Photographie durch William Henry Fox Talbot, Berlin 1989, S. 31.

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