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Robert Macpherson (1811–1872)
Tempel der Sibylle
Italien, Tivoli, ca. 1858
Albuminpapierabzug, montiert auf Karton, 37,2 x 31,2 cm
Fotografen-Blindstempel „R. Macpherson Rome” am unteren Rand, mit Bleistift darin beziffert „115”

Der Schotte Robert Macpherson war ausgebildeter Chirurg, bevor er 1840 nach Rom zog, um sich dort der Malerei und dem Kunsthandel zu widmen. Ab 1851 erlernte er das damals neue, nasse Kollodium-Verfahren mit Glasnegativen im Format von 12x16 inch (ca. 30x40 cm) und erlangte bald ein hohes Niveau. Vor allem seine Veduten mit antiken Sehenswürdigkeiten waren bei den ästhetisch geschulten, bildungsbürgerlichen Romtouristen anerkannt.

Das Motiv des sog. Sibyllentempels auf der antiken Akropolis in Tivoli war bereits bei den Künstlern des Klassizismus, etwa bei Giovanni Battista Piranesi, beliebt – besonders aus größerer Distanz, die die Rundtempelruine in ihrer spektakulären Umgebung zeigt, dem Tal der Kaskaden mit Schluchten und Wasserfällen. In einem gedruckten Katalog seiner Werke, den Macpherson 1858 herausbrachte, verzeichnet er 4 verschiedene Ansichten dieses Tempels.

Durch den engen Ausschnitt „enträumlicht” Macpherson in der vorliegenden Aufnahme ein Motiv, das gerade durch seine Dreidimensionalität – die Stereometrie des Rundtempels in der bergigen Topografie des Terrains – charakterisiert war. Zahlreiche Fotografien des Tempels, die in den folgenden Jahrzehnten auf Ansichtskarten Verbreitung fanden, sind aus einem ähnlichen Blickwinkel aus aufgenommen – doch immer wurde diese flächenhafte Konzentration auf die Architektur wieder zurückgenommen, indem man rundum mehr Himmel und Terrain mit ins Bild nahm.

Als in den 1860er Jahren damit begonnen wurde, römische Stadtansichten im großen Stil zu vertreiben, behielt er seine Exklusivität bei und entzog seine Aufnahmen einer massenhaften Vermarktung.

Marie Röbl, © WestLicht



Lit.: Therese Mulligan und David Wooters, Geschichte der Photographie von 1839 bis heute, The George Eastman House Collection, Köln 1999, S. 144.

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